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The Winter Dragon Dynasty

Achtung: Du erhältst hier einen exklusiven Blick hinter die Kulissen meines noch nicht lektorierten Manuskripts. Das bedeutet: Magie, Spannung und ganz vielleicht ein paar freilaufende Tippfehler. Falls du einen entdeckst – herzlichen Glückwunsch! Er gehört jetzt dir. Keine Rücknahme, kein Umtausch. 😉

Und jetzt wünsche ich dir ganz viel Spaß mit der Leseprobe!

– Kapitel 1 –


Der Frost findet immer einen Weg in diese Mauern. Er kriecht durch jede Ritze, beißt sich gnadenlos durch Stoff und Haut, bis man nur noch Kälte spürt. Vielleicht ist das der wahre Sinn dieser Festung: einen daran zu erinnern, dass selbst Stein hier oben nicht stärker ist als der Winter. Ich stehe reglos am schmalen Fenster meiner Kammer, die Hände auf dem harten Granit. Unter mir erstreckt sich die Welt als endlose, weiße Wüste, nur unterbrochen von dunklen Felsformationen, die wie Narben aus dem Schnee ragen. Die Stille ist erdrückend. Kein Laut erreicht den Turm außer dem Wind, der um die Zinnen peitscht – ein unberechenbarer Klang. Wie das Einatmen vor einem Schmerzensschrei. Der Sturm naht. Jeder Reiter spürt es, auch ohne die Berichte der Späher. Der Himmel ist ruhelos, die Luft zu schwer auf der Haut. Etwas Hungriges lauert dort draußen. Und trotzdem hat Roric mich heute zu sich befohlen. Natürlich hat er das. Mein Onkel hat ein untrügliches Gespür für den schlechtesten Zeitpunkt. Eine Gabe, die er seit meiner Kindheit perfektioniert hat. Ich presse die Stirn gegen die Fensterscheibe, konzentriere mich auf die beißende Kälte in meinen Lungen. Ein willkommener Schmerz. Schmerz hält wach. Wachsamkeit hält am Leben. Durch das Band mit meinem Drachen spüre ich ein fernes Prickeln, wie glühende Kohlen unter meiner Haut. Varengar ist unruhig. Es fehlen nur noch Tage, bis es wieder so weit ist. Die Hitze. Alle vier Jahre dasselbe, und nie wird es einfacher. Beim letzten Mal habe ich mich eine Woche lang in die östlichen Eiswüsten zurückgezogen, fernab von Menschen und anderen Reitern. Es war die einzige Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten, als Varengars Paarungstrieb durch unser Band flutete und mein Blut zum Kochen brachte. Sieben Tage in selbst gewählter Isolation, zitternd vor unterdrückter Sehnsucht, aber immerhin allein. Besser als die Alternative. Die Hitzeperiode eines Winterdrachen ist kein romantisches Märchen aus den südlichen Ländern – es ist ein Kampf um Beherrschung, den man nicht gewinnen kann. Man übersteht ihn bestenfalls. Ich reibe mir den Nacken, wo das verräterische Kribbeln bereits unter der Haut pulsiert. Noch habe ich Zeit. Vielleicht eine Woche. Aber das macht Rorics Befehl nicht weniger ärgerlich. „Kommandantin Winterbourne? Der Lordprotektor erwartet dich.“ Elvaras Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich um. Meine zweite Befehlshaberin steht in der Tür, ihre schlanke Silhouette scharf gegen das zuckende Fackellicht. Ihr Gesicht ist eine Maske der Ruhe, doch in ihren grauen Augen liegt Sorge. Elvara ist eine der wenigen, die meinen Blick nicht meiden. Eine der noch wenigeren, die ich an meiner Seite haben will. „Ich komme, Elvara.“ Meine Stimme klingt rau und unbenutzt. Ich habe stundenlang hier gestanden. Sie nickt nur, aber ihr Schweigen ist voller unausgesprochener Fragen. Sie kennt meine Abneigung gegen meinen Onkel. Und sie kennt ihre Gründe, auch wenn wir nie darüber reden. Elvara weiß auch von Varengars bevorstehender Hitze – sie hat den Mondkalender ebenso genau im Auge wie ich. Nicht umsonst hat sie gestern die Vorräte für meine jährliche Inspektion der Ostgrenze zusammenstellen lassen. Ich greife nach meinem Umhang und schließe die Schnallen mit geübten Bewegungen. Metall auf Leder, ein vertrautes Geräusch. Der Gürtel, das Kurzschwert, der schwarze Stoff, der schwer über meine Schultern fällt – es ist mehr als nur die Rüstung einer Kommandantin. Es ist das Gewand einer Erbin. Im Spiegel neben der Tür fängt mein Blick mein Abbild. Kurzgeschorenes weißblondes Haar, das meinen Hinterkopf und meine Ohren freilegt. Ich habe es gestern Abend nachgeschnitten, wie jeden dritten Tag. Wenn ich die Augen zusammenkneife, sieht das Gesicht im Spiegel fast aus wie das meines Bruders Taren. Fast. Genug, um den Vergleich zu provozieren, zu wenig, um ihm standzuhalten. „Was will Roric diesmal?“, frage ich, während ich die Knöpfe meiner Lederweste schließe. Diese zusätzliche Schicht wird nötig sein. In den Korridoren der unteren Ebenen, wo mein Onkel sein Quartier hat, sammelt sich die Kälte wie Wasser in einem Brunnen. „Es geht um einen Gefangenentransport“, erklärt Elvara leise und tritt näher. Ihre Stimme sinkt auf ein Flüstern. „Er besteht darauf, dass du persönlich kommst. Ich habe versucht, ihn auf morgen zu vertrösten, aber …“ Sie schüttelt kaum merklich den Kopf. „Lass mich raten: Er hat sich auf seine Position als Lordprotektor berufen und auf die Autorität meines Vaters, der nie hier ist, um widersprechen zu können.“ Ich kann die Bitterkeit in meinen Worten nicht verbergen. Roric nutzt seine Stellung als Stellvertreter des Kaisers wie eine Waffe, besonders gegen mich. Als wäre es sein persönliches Vergnügen, mich daran zu erinnern, dass ich trotz meines Ranges als Kommandantin der Eisflügel letztlich seiner Gnade ausgeliefert bin. Elvara verzieht das Gesicht, Bestätigung genug. „Ihr solltet vorsichtig sein, Kommandantin“, sagt sie. „Der Sturm …“ „Ich weiß“, erwidere ich, ohne mich zu ihr umzudrehen. Ein Wintersturm in den Endlanden ist kein Wetterphänomen. Er ist ein Raubtier mit Klauen aus Eis und Zähnen aus Schnee. Und mit Varengars aufkeimender Hitze bin ich so verwundbar wie nie. Der Gedanke, in einen Sturm zu fliegen, während mein Drache zunehmend von seinen Urinstinkten beherrscht wird, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Doch die politischen Realitäten sind ebenso unnachgiebig wie das Wetter. Verweigere ich mich Rorics Befehl, könnte er es als Vorwand nutzen, meine Loyalität in Frage zu stellen – etwas, das er seit Jahren subtil versucht. „Wenn mein Onkel ruft, dann gehe ich.“ Es klingt härter als beabsichtigt. Elvara presst die Lippen zusammen. Sie versteht das Spiel der Macht ebenso gut wie ich. Niemand überlebt so lange an der Nordgrenze, ohne die ungeschriebenen Regeln zu kennen. Sie tritt zur Seite, als ich an ihr vorbeigehe, doch ihre Hand berührt kurz meinen Arm – eine stumme Geste der Unterstützung. Der Weg zur Kommandozentrale führt mich tiefer in den Bauch der Frostwacht. Die Festung ist in einen Gletscher gehauen, ein Bollwerk aus der Zeit der ersten Winterdrachen-Kriege. An manchen Stellen schimmert tiefblaues Eis zwischen uralten Steinquadern hervor, die Wände überzogen mit dem Ruß der Fackeln und dem Abrieb unzähliger Stiefel und Rüstungen. Die Wandteppiche mit dem Winterbourne-Wappen sind neu – vor fünfzehn Jahren fielen die alten bei einem Aufstand der Rebellen den Flammen zum Opfer. Mein Vater ließ prächtigere anfertigen, als wäre jeder Silberfaden eine Warnung. In einer Nische steht eine verwitterte Statue meines Großvaters. Seine Steinaugen folgen mir, während ich vorbeimarschiere. Er hätte niemals zugelassen, dass eine Frau die Eisflügel anführt. Selbst in Stein scheint er über mich zu urteilen. Eine Gruppe älterer Soldaten kommt mir entgegen. Hauptmann Vidden, ein vernarbter Veteran, nickt mir zu, während zwei seiner Begleiter demonstrativ zur Seite blicken. Ihre Salute kommen eine Sekunde zu spät. Ich kenne ihre Gedanken: Tarens Schwester. Nicht Taren selbst. Niemals gut genug. Ich straffe die Schultern. Meine Hand wandert nicht zum Schwertgriff, das wäre ein Eingeständnis von Unsicherheit. Stattdessen lasse ich die Stille zwischen uns wachsen, bis Vidden seine Männer mit einem scharfen Räuspern zur Ordnung ruft. „Kommandantin.“ „Hauptmann.“ Ich erwidere den Gruß knapp, mit einer Stimme wie geschliffener Stahl. In dieser Höhe verschwendet man keine Atemzüge. Man benutzt Worte wie Rationen: nur, wenn es unbedingt nötig ist. Ich gehe weiter, doch ihre Blicke brennen sich in meinen Rücken. Dolche aus Verachtung. Ich zwinge mich, nicht schneller zu werden. Die Kontrolle zu verlieren bedeutet, Schwäche zu zeigen. Und Schwäche kostet Leben – das hat mein Bruder auf die härteste Weise bewiesen. Die Kommandozentrale gähnt wie ein offenes Maul im Herzen der Festung. Ein kalter Steinschlund, beherrscht von einem massiven Tisch, auf dem Karten und Berichte verstreut liegen. An der Wand dahinter hängt das Banner meines Hauses – ein silberner Drache auf schwarzem Grund. Ein Mahnmal. Oder eine Warnung. Davor steht mein Onkel. Lordprotektor Roric Harrow Winterbourne. Die feinen, silberweißen Linien auf seiner linken Gesichtshälfte glitzern im Fackelschein wie Risse im Eis. Ein Relikt eines gescheiterten Pakts aus seiner Jugend und der Grund, warum manche flüstern, der Frost habe ihn berührt und nie wieder losgelassen. Er trägt schwarze Seide unter schwerem Samt. Ein Mann des Hofes, nicht des Krieges. „Kommandantin. Pünktlich wie immer“, begrüßt er mich mit einem schmalen Lächeln, das seine Augen nicht erreicht. „Ich hoffe, ich habe dich nicht von deinen … Pflichten abgehalten?“ Der leicht abschätzige Ton bei dem Wort Pflichten ist wie ein Nadelstich. Als Kind saß ich auf seinem Schoß, hörte seinen Geschichten zu und aß Süßigkeiten, die er mir heimlich zusteckte. Aber das war, bevor ich Tarens Platz einnehmen wollte. Das war, bevor ich jeden Tag trainierte, bis meine Hände bluteten. Bevor mein Vater nachgab und mich zur Kommandantin ernannte. Jetzt bin ich eine Bedrohung. Eine Frau als Kommandantin – lächerlich. Eine Nichte mit wachsender Macht – gefährlich. Ich bleibe am anderen Ende des Tisches stehen und verschränke die Arme vor der Brust. „Meine Pflichten können warten, Lordprotektor.“ Der Titel statt der Verwandtschaft, eine kleine Waffe, die wir beide zu nutzen wissen. „Du hast nach mir geschickt.“ Roric lehnt sich über den Tisch, die Fingerspitzen auf den Karten, als würde er die Endlande selbst mit einem Druck seiner Hand formen können. Eisige Ebenen, zerklüftete Berge, rote Markierungen wie Wunden im Pergament. Frostgeborenen-Sichtungen. Zu viele. „Es gibt eine Aufgabe, die deine besonderen Fähigkeiten erfordert.“ Sein Blick trifft mich – durchdringend, beinahe farblos. „Ein Gefangenentransport. Nach Vaeldor.“ Vaeldor. Die Hauptstadt. Fünf Tage Flug, wenn der Himmel gnädig ist. Und der Himmel ist heute alles andere als gnädig. Das Kribbeln in meinem Nacken verstärkt sich. Ich spüre bereits das Hitzepochen, ein dumpfes Ziehen unter der Haut, das meine Nerven zum Singen bringt. In etwa einer Woche wird es unerträglich werden. Die Vorstellung, während Varengars Hitze unter Menschen zu sein, verdreht meine Eingeweide zu einem kalten Knoten. Doch ich werde einen Teufel tun, meinem Onkel davon zu erzählen. Er würde es nur als Schwäche auslegen, es gegen mich verwenden. „Ein Sturm zieht auf“, erwidere ich stattdessen. „Unsere Späher melden ihn seit Tagen. In weniger als vierundzwanzig Stunden liegt er über uns.“ Ich tippe auf die verwirbelten Linien auf der Karte. „Jetzt zu fliegen wäre Selbstmord.“ Rorics Lächeln wird so schmal, dass seine Lippen verschwinden. Ein blasser Strich in seinem Gesicht. „Ah, der berühmte Winterbourne-Instinkt. Bewundernswert.“ Er schiebt ein Pergament über den Tisch. Es trägt das kaiserliche Siegel meines Vaters. „Doch der Gefangenentransport ist nicht verhandelbar, fürchte ich. Ein direkter Befehl des Kaisers.“ Ich nehme das Dokument und breche das Siegel. Das Schriftstück ist formell und unpersönlich. Die Anordnung eines Gefangenentransports nach Vaeldor unter meinem Kommando. Keine Details. Kein Name. Nur der Befehl. Ich bin nicht einmal sicher, ob es von meinem Vater stammt. Aber ich kann ihn nicht fragen. Er ist nicht hier. Roric beobachtet, wie meine Finger sich um das Pergament krampfen. „Warum?“, frage ich. „Warum jetzt? Warum ich? Und warum meine Einheit? Die Frostwacht hat standardisierte Verfahren für Gefangenentransporte.“ „Vertraust du den Fähigkeiten deiner Eisflügel etwa nicht, Kommandantin?“ Ich unterdrücke ein Schnauben. „Meine Reiter sind die Besten, das weißt du. Aber mit allem Respekt, Onkel, diese Mission ist Selbstmord. Kein Drache kann diesen Sturm überstehen. Kein Reiter ist darauf vorbereitet. Wir riskieren alles für einen einzigen Gefangenen? Wer ist dieser Mann?“ Roric umrundet den Tisch langsam. Seine Schritte so präzise wie seine Worte. Er bleibt vor mir stehen, und in seinen Augen blitzt etwas auf. Triumph? Es verschwindet so schnell, dass ich daran zweifle, es gesehen zu haben. „Ah“, seufzt er theatralisch. „Die Frage nach dem Wer. Ich hatte gehofft, es nicht erwähnen zu müssen. Nicht hier. Nicht so.“ Er schüttelt den Kopf, als bedauerte er eine unvermeidliche Pflicht. „Aber du warst schon als Kind hartnäckig, Iska. So hartnäckig, dass ich dir nie etwas abschlagen konnte.“ Sein Blick bohrt sich in meinen. „Der Gefangene ist der Mann, der für den Tod deines Bruders verantwortlich ist.“ Die Welt um mich herum steht still. Das Heulen des Windes erstirbt zu einem fernen Summen. Taren. Mein Bruder. Sein Lachen, so warm wie das Kaminfeuer in der Großen Halle von Vaeldor. Sein Haar, hell wie meins, aber immer ungezähmt. Die Art, wie er mir auf die Schulter schlug, wenn ich eine Übung besonders gut gemeistert hatte. Gut gemacht, kleine Schwester! Bald reitest du deinen eigenen Winterdrachen. Der Schmerz durchbohrt mich, als hätte jemand eine Klinge zwischen meine Rippen gestoßen. „Er … er lebt?“ Die Frage ist nicht viel mehr als ein ersticktes Flüstern. Roric nickt. „Gefasst vor drei Tagen, in einem Bergdorf jenseits der östlichen Grenze. Ein glücklicher Zufall.“ Glück. Als ob der Tod meines Bruders jemals etwas mit Glück zu tun hatte. Ich sehe Taren vor mir. Dann das starre Antlitz meines Vaters. Seine Tränen, zwei gefrorene Pfade auf seinen Wangen. Ich war acht, als sie Tarens Körper zurückbrachten. Zu jung für solchen Verlust. Zu alt, um die Leere zu vergessen. Ich atme tief ein, schmecke Metall auf meiner Zunge. Blut. Ich habe mir auf die Unterlippe gebissen. Roric zieht ein Taschentuch aus der Innentasche seines Umhangs und reicht es mir stumm. „Dein Vater hat es mir überlassen, dir die Nachricht zu überbringen. Er wusste, was es für dich bedeuten würde. Die Chance, Gerechtigkeit für Taren zu erwirken. Persönlich.“ Gerechtigkeit. Das Wort hallt in meinem Inneren nach, findet dort etwas Dunkles, Hungriges. Roric weiß genau, welche Saite er anschlägt. Die jahrelange Wut. Die unterdrückte Trauer. Der nagende Schmerz, niemals genug zu sein, niemals Tarens Platz ausfüllen zu können. Das stumme Urteil im Blick meines Vaters: der unvollkommene Ersatz. Das Pergament knistert in meinen Fingern. Es sollte mich stören, wie bereitwillig Roric diesen Trumpf ausspielt. Wie perfekt dieser Moment inszeniert ist. Aber alles, was ich fühle, ist ein kaltes, brennendes Verlangen, das durch meine Adern schießt. „Wer weiß davon?“, frage ich. „Nur der enge Kreis. Dein Vater. Ich. Und jetzt du.“ Roric macht eine vage Geste. „Der Gefangene wurde heute Morgen eingeliefert.“ Ich nicke langsam. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Der Mörder meines Bruders. Hier. In meiner Festung. Nach all den Jahren. Meine Hände zittern so stark, dass ich sie hinter meinem Rücken verstecken muss. Bilder stürzen auf mich ein. Die Briefe der Grenztruppen. Berichte von Suchmannschaften, die nie zurückkehrten. Soldaten mit durchgeschnittenen Kehlen im Schnee. Ein Phantom in den Endlanden, das erscheint und wieder verschwindet wie Rauch im Wind. „Ich nehme meine fünf besten Reiter und breche unverzüglich auf“, sage ich. Meine Stimme klingt viel ruhiger, als ich mich fühle. „Mit etwas Glück können wir dem Zentrum des Sturms vorausfliegen.“ Etwas in Rorics Haltung entspannt sich fast unmerklich. Er legt eine Hand auf meine Schulter. Seine Berührung ist schwer und kühl durch den Stoff meiner Kleidung. „Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann, Iska. Dein Vater wird stolz sein.“ Die schlimmsten Lügen sind die, die wir am verzweifeltsten glauben wollen. *** Der Weg durch die Frostwacht hinab in die Kerker ist ein Abstieg in eine andere Welt. Die Wände hier sind aus dem gleichen schwarzen Basalt gehauen, den die ersten Winterbourne-Herrscher vor Jahrhunderten aus den Drachenklippen schlagen ließen. Doch hier unten schwitzen sie Feuchtigkeit, die in der Kälte zu trüben Eiszapfen gefriert. Die Fackeln kämpfen einen aussichtslosen Krieg gegen die Dunkelheit. Ihr Licht dringt kaum durch den dicken Schleier der Schatten, die hier wie eigenständige Wesen existieren. Sie tanzen an den Wänden, verwandeln sich in verzerrte Gestalten, die für einen Herzschlag fast menschlich wirken. Ich gehe schnell. Zielgerichtet. Der Stoff meines Umhangs streift über den Stein, ein einziges leises Geräusch in einem Gang voller verschluckter Stimmen. Die Wachen salutieren stumm, wenn ich vorbeikomme, ihre Augen starr geradeaus gerichtet. Niemand stellt Fragen. Niemand wagt es. Meine Gedanken kreisen. Tarens Mörder. Endlich eingesperrt. Die Wut ist ein festes, heißes Ding in meiner Brust, aber ich forme sie zu etwas Nützlichem. Ich ziehe die Handschuhe fester, schreite entschlossen voran. Ich werde den Gefangenen nach Vaeldor bringen. Ich werde zusehen, wie sein Blut den Stein tränkt. Die Vorstellung schmeckt süßer als jeder Wein auf meiner Zunge. Bevor ich die letzte Wendung zur Zellengasse nehme, höre ich vertraute Schritte hinter mir. Ich bleibe stehen, warte, dass sie mich einholen. „Elvara.“ Sie tritt neben mich. Ihr Gesicht ist angespannt, die Stirn leicht gerunzelt. Im Gegensatz zu mir macht sie sich nicht die Mühe, ihre Besorgnis zu verbergen. „Was ist passiert?“, will sie wissen. „Was hat Roric gesagt?“ „Wir fliegen.“ Meine Stimme klingt fremd, sogar in meinen eigenen Ohren. Zu schroff. Zu endgültig. Ich spüre, wie mein Kiefer sich anspannt, löse ihn bewusst. „Der Gefangenentransport hat höchste Priorität. Wir brechen sofort auf.“ Elvaras Augen weiten sich. „Sofort? Iska, der Sturm …“ Sie deutet zu dem vergitterten Fenster, wo die Eiskristalle gegen das Glas peitschen. „Selbst Varengar wird Mühe haben. Und die anderen Drachen sind nicht so stark wie er. Die Reiter könnten …“ „Es ist ein direkter Befehl des Kaisers“, unterbreche ich sie und halte ihr das Pergament hin. Das Siegel glänzt trübe im Fackelschein. Elvara nimmt das Schriftstück nicht entgegen. Stattdessen betrachtet sie mich mit einem Blick, der zu viel sieht. So hat sie schon immer geschaut, als könnte sie durch Rüstung und Haut direkt in die Abgründe dahinter blicken. Ich zögere. Etwas in mir will die Wahrheit zurückhalten, sie schützen. Aber Elvara verdient es, zu wissen. „Der Gefangene …“ Die Worte schmecken bitter auf meiner Zunge. „Er ist es, Elvara. Der Mann, der Taren getötet hat.“ Ihre Hand fliegt zu der schmalen Silberkette, die sie unter ihrer Uniform trägt – Tarens letztes Geschenk, ein Drachenschuppenanhänger, den sie nie ablegt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Elvara und Taren waren mehr als nur Kameraden. In jener Zeit, als der Norden noch sicherer war, als wir alle noch glaubten, die Frostgeborenen seien eine beherrschbare Gefahr, hatten sie über eine Verlobung gesprochen, Pläne geschmiedet. Träume, die mit ihm starben. „Bist du sicher?“, fragt sie tonlos. „Roric sagt, sie haben ihn identifiziert.“ Ich fixiere einen Punkt hinter ihr. „Er wurde vor drei Tagen gefasst und hierher gebracht.“ Elvara nickt langsam. Eine einzelne Träne löst sich aus ihrem Auge, gleitet ungehindert über ihre Wange. Sie macht keine Anstalten, sie wegzuwischen. „Nach all der Zeit“, sagt sie leise. Zwischen uns breitet sich ein Schweigen aus, bevölkert mit Erinnerungen und unausgesprochenen Worten. Erinnerungen an einen jungen Mann, dessen Augen genau die gleiche Farbe hatten wie die meinen. Dessen Platz ich niemals ausfüllen kann, egal wie viele Grenzpatrouillen ich führe, wie viele Schlachten ich schlage, wie viele Frostgeborenen ich töte. Schließlich strafft sich Elvara. Die Trauer in ihrem Gesicht wandelt sich zu etwas Härterem, Endgültigen. „Deine Befehle, Kommandantin?“, fragt sie. Ich bin dankbar für diese Rückkehr zur Ordnung, zum festen Boden der Pflicht unter unseren Füßen. „Informiere die anderen Eisflügel! Sie sollen sich im Innenhof versammeln.“ Ich sehe aus dem Fenster. Der Himmel hat die Farbe von angelaufenem Stahl angenommen. Die Winterglocken im höchsten Turm läuten ihre Warnung. „Die Drachen müssen bereit gemacht werden. Schwere Sattelgeschirre, volle Ausrüstung für Sturmbedingungen. Und Proviant für acht Tage. Wir müssen auf Umwege vorbereitet sein.“ Elvara salutiert. „Wird erledigt.“ Sie zögert einen Moment, dann drückt sie meine Schulter. „Pass auf dich auf, Iska“, sagt sie leise. „Für Taren.“ Die Worte hängen zwischen uns, als sie sich umdreht und geht, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich bleibe einen Moment länger stehen, atme die modrige Kerkerluft ein. Dann laufe ich entschlossen den Gang hinunter – die letzten Schritte zu Zelle Sieben. Am Ende des Ganges steht ein junger Rekrut Wache. „Kommandantin.“ Er salutiert hastig, als ich nähertrete. Seine Augen weichen meinen aus. „Bericht!“, verlange ich und fixiere die Zellentür hinter ihm. Der Rekrut räuspert sich. „Der Gefangene wurde vorgestern eingeliefert. Vier Späher haben ihn jenseits der Ostgrenze aufgespürt. Nur einer kehrte zurück.“ Er senkt die Stimme zu einem Flüstern, als hätte er Angst, dass der Gefangene ihn hört. „Thorim und Eric … er hat sie erwürgt. Mit seinen eigenen Fesseln.“ Meine Finger gleiten wie von selbst zum Schwertgriff. Das kalte Metall beruhigt mich. Thorim war ein erfahrener Grenzer, kein leichtes Opfer. „Hat er gesprochen?“ „Kein Wort, Kommandantin. Nicht einmal, als sie …“ Der Rekrut stockt, schluckt hörbar. „Sprich weiter!“ „Als sie ihn befragten. Mit allen Mitteln.“ Die unausgesprochene Folter hängt in der Luft zwischen uns. Ein Mann, der unter der Peitsche schweigt. Interessant. „Öffne die Zelle“, befehle ich und greife nach den schweren Transportfesseln an meinem Gürtel, die ich nach dem Gespräch mit Roric aus dem Rüstlager geholt habe. „Ich nehme ihn mit. Jetzt.“ Der Rekrut zögert, Furcht flackert in seinen Augen. „Allein, Kommandantin? Er ist … Er ist gefährlich.“ „Und ich etwa nicht?“ Er schluckt, dann greift er mit bebenden Händen nach dem schweren Schlüsselbund. Das metallische Kratzen des Schlüssels im Schloss hallt durch den Gang. Die Tür schwingt auf. Da sitzt er. Der Junge, der meinen Bruder getötet hat. Nur, dass er nicht länger ein Junge ist. Er ist älter als ich – vier oder fünf Jahre vielleicht. Er sitzt auf einer schmalen Steinbank, dem einzigen Mobiliar in der Zelle. Sein Kopf ist gesenkt, das dunkle Haar fällt ihm strähnig ins Gesicht. Er trägt einfache, grobe Häftlingskleidung aus grauem Stoff, der an den Ellbogen und Knien schon dünn ist. Seine Hände liegen gefesselt auf seinen Knien, die Handgelenke rot und wund vom Eisen, geschwollen vom Kampf gegen die Ketten. Trotz der Fesseln ist sein Körper völlig entspannt – eine kontrollierte, lauernde Ruhe, die mehr nach Raubtier als nach Gefangenem aussieht. Ich trete in die Zelle, den Rekruten mit einem Blick an der Tür zurücklassend. Das Schwert lose in der Scheide, die Fesseln in der linken Hand. „Auf die Füße!“, befehle ich dem Gefangenen barsch. Er bewegt sich nicht. Kein Zucken, kein Atemzug verrät, dass er mich überhaupt gehört hat. Ich trete näher, die Transportfesseln klirren. „Ich sagte: Auf die Füße!“ Plötzlich hebt er den Kopf. Seine Augen treffen die meinen. Sie sind dunkel. Nicht schwarz, sondern ein tiefes, undurchdringliches Braun, wie altes, getrocknetes Blut. Aber es ist nicht die Farbe, die mich erstarren lässt. Es ist der Blick. Wachsam. Klar. Völlig frei von Angst oder Verzweiflung. Er sieht mich an, als würde er mich sezieren. Als würde er jedes Detail meines Gesichts, meiner Haltung, meiner Rüstung aufnehmen und einordnen. „Eine Kommandantin.“ Seine Stimme ist geschmeidig wie ein gezogenes Messer. „Sie schicken eine Kommandantin, um mich abzuholen. Ich bin geschmeichelt.“ Ich halte seinem Blick stand. „Steh auf!“ Ein dünnes Lächeln huscht über seine Lippen. „Sonst was?“ Es passiert zu schnell. Eine Welle panischer Angst überrollt mich, fremd und nicht meine eigene. Sie reißt mir den Boden unter den Füßen weg, jagt Eisnadeln durch mein Blut. Varengar. Mein Drache. Sein Aufschrei in meinem Geist, laut und durchdringend: Gefahr, Gefahr, Gefahr. Es ist nicht die Hitze, die ich in den letzten Tagen gespürt habe. Nicht das vertraute Pochen seines Paarungstriebs, das ich kontrollieren und unterdrücken kann. Dies ist etwas anderes. Etwas Uraltes, das aus einer Tiefe unseres Bandes aufsteigt, die ich nie zuvor berührt habe. Varengars Furcht schmeckt nach verbrannter Erde und schwarzem Eis, und sie ist so gewaltig, dass meine Knie nachgeben wollen. Eine Sekunde. Eine einzige Sekunde Ablenkung. Der Gefangene nutzt sie. Mit einer fließenden Bewegung erhebt er sich von der Bank. Seine Hände sind trotz der Fesseln blitzschnell. Ich spüre seine Finger an meiner Kehle, bevor meine Hand das Schwert erreicht. Sein Körper presst meinen gegen die feuchte Steinwand. Sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. Sein Atem streift meine Wange. „Du enttäuschst mich, Kommandantin“, zischt er. „So unachtsam.“ Die Welt verengt sich auf zwei Punkte: seine Augen und seine Finger, die meine Luftröhre eindrücken. Schwarze Flecken tanzen am Rand meines Sichtfelds. Die Panik meines Drachen hämmert durch unser Band, vermischt sich mit dem wilden Pochen meines eigenen Herzens. Aber ich bin nicht umsonst die jüngste Kommandantin der Eisflügel. Mein Knie schnellt hoch. Trifft präzise. Seine Finger lockern sich für einen Atemzug. Ich nutze den Moment. Packe seinen Arm. Drehe ihn in einem Winkel, den kein Gelenk überstehen sollte. Sein überraschtes Keuchen ist Musik. Ich nutze seinen Schwung gegen ihn, lasse Ausbildung und Instinkt übernehmen. Seine Knie treffen den Boden mit einem befriedigenden Knirschen. Ich habe mein Schwert gezogen, bevor er sich erholen kann. Die Schneide ruht an seiner Kehle, genau dort, wo der Puls wild schlägt. Ich spüre den Rhythmus durch das Metall in meiner Hand. „Wer ist jetzt unachtsam?“, frage ich gefährlich leise. Blut sickert aus der Wunde, dort, wo die Klinge seine Haut ritzt. Ein dünner Faden aus Scharlachrot, der seinen Hals hinunterläuft. Er lacht. Ein raues, rostiges Geräusch ohne Freude. Dann spuckt er mir vor die Füße. Eine klare Botschaft. Eine Provokation, der ich nicht nachgeben werde. Ich beuge mich näher, das Schwert unverrückbar am Hals des Gefangenen. „Meine Geduld ist begrenzt. Und dein Leben bedeutet mir nichts.“ „Dann töte mich jetzt“, erwidert er ungerührt. „Es würde dir viel Ärger ersparen.“ Seine Gelassenheit angesichts des Todes kriecht unter meine Haut. Es ist nicht richtig. Nicht normal. „Dreh dich um!“ Einen langen Moment bleibt er reglos. Die Luft zwischen uns vibriert vor Spannung. Dann, mit einer Langsamkeit, die Verachtung ausdrückt, folgt er meinem Befehl. Ich lege ihm die schweren Transportfesseln an, ziehe sie fester als nötig, bis das Metall in seine Haut schneidet. „Geh voran!“, sage ich und stoße ihn unsanft zur Tür. Er stolpert, aber er fällt nicht. Von jetzt an gibt es kein Zurück. Dort draußen wartet mein Drache, seine Furcht ein kaltes Pulsieren in meinen Adern. Dort draußen wartet der Sturm, dessen Heulen ich bis hierher hören kann. Und ich werde diesen Mann durch die Hölle der Endlande tragen, um ihn seinem Urteil zu übergeben. Was auch immer es kostet.

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